Weilburg vor 60 Jahren – erster Vertriebenentransport

 

Auszug aus Sudetendeutsche Zeitung vom 10.02.2006:

 

Weilburg an der Lahn stand  bei  der  Gedenkveranstaltung anlässlich der Ankunft des ersten Vertriebenentransportes in Hessen vor 60 Jahren ganz im Zeichen der Sudetendeutschen. Den Auftakt bildete die Eröffnung einer Ausstellung im Stadt- und Bergbaumuseum mit dem Titel „60 Jahre Vertreibung — Neubeginn in Hessen". Die Einweihung einer Gedenktafel auf dem Bahnhof von Weilburg folgte. Der Höhepunkt war die  Gedenkveranstaltung in der Stadthalle. Und anschließend wurde auf einer  Großleinwand der  neueste  Film des Fernsehjournalisten Harald Henn - „Westwärts ins Ungewisse" — gezeigt, der eben jenen ersten Vertriebenentransport zum Thema hat.

Die von der SL-Landesgruppe Hessen initiierten Veranstaltungen fanden auch bei den Medien großes Interesse. Die örtliche Presse sowie das Fernsehen und der Hörfunk des Hessischen Rundfunks berichteten. In seiner Ansprache erinnerte Landesobmann Alfred Herold an den ersten geschlossenen Vertriebenentransport, der aus Kuttenplan im Egerland am 4. Februar 1946 in Weilburg eintraf.  Ihm folgten weitere  294  Bahntransporte.

Heute müsse, so Herold, „ohne billiges Pathos" an die Not der damalige Zeit erinnert werden. „Vor 60 Jahren machte die Not Überstunden, und sie war Stammgast in unseren Familien.  Konjunktur  hatten nur die Hersteller von Stacheldraht." Jedoch solle nicht nur an Trauer und Schmerz erinnert werden, sondern auch in Stolz und Dankbarkeit. Anders, als es sich die Vertreiber zum Ziel gesetzt hätten, seien die deutschen Heimatvertriebenen nicht zu einer sozialen Atombombe geworden, sondern sie hätten ihr „geistiges Fluchtgepäck" ausgepackt und mitgeholfen, „dieses Hessenland mit aufzubauen". Herold: „Wir haben mitgeholfen, dass aus Trümmern Fundamente wurden."

An die einheimische Bevölkerung richtete der Landesobmann  besonderen Dank für ihre Geduld in den Jahren der Integration. „Hoffen wir, dass auch in den hessischen Geschichtsbüchern zu lesen sein wird, welche große Gemeinschaftsleistung Heimatverbliebene  und Heimatvertriebene vollbracht haben."

Die Bedeutung der Veranstaltung unterstrich auch die große Zahl der Ehrengäste. Besonders herzlich begrüßte Herold den Vertreter der Hessischen Landesregierung und Hauptredner,  Staatsminister Karlheinz Weimar. Weitere Ehrengäste waren der Bürgermeister von Weilburg, Hans-Peter Schick,  der  Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach MdB, der Bundestagsabgeordnete Holger Haibach, die Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer, Hildegard Pfaff und Helmut Peuser,  der Vorsitzende  des Kreistages Limburg-Weilburg, Robert Becker, die Bitte umblättern

Vorsitzende der CDU-Fraktion in der Weilburger Stadtverordnetenversammlung, Christine Zips,  und Regierungspräsident Willried Schmied. Von kirchlicher Seite nahmen teil Pfarrer Karl Kindermann, Ehrendomherr von Leitmeritz und Vertriebenenseelsorger des Bistums Limburg, Geistlicher Rat Pfarrer Wolfgang

Stingi,  Vertriebenenseelsorger des Bistums Mainz, und Pfarrerin Petra Schramm von der evangelischen Kirchengemeinde Weilburg. Des weiteren der Vorsitzende des VdK Hessen-Thüringen, Udo Schlitt, Rundfunkrat Jürgen Heyne, Georg Unkelbach vom hessischen Sozialministerium, die Landesvorsitzende des BdV Thüringen, Christa Schulz, Otto Hörtier, Landesobmann der Sudetendeutschen in Thüringen, Rosemarie Kretschmer für die sudetendeutschen Frauen, der Landesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, Rudi Krämling, und Walter Jedlitschka von der Seliger-Gemeinde. Ein besonderer Gruß galt neben den anderen Vertretern der Medien Harald Henn, dem Autor des besagten Films „Westwärts ins Ungewisse".

In die Zukunft blickend, bemerkte  Landesobmann Alfred Herold: „Wir Sudetendeutschen sind in Lumpen gekommen, aber nicht zu Lumpen geworden. Wir wollen auch künftig mithelfen beim Aufbau einer gerechten Völker- und Friedensordnung in Europa — die allerdings nur auf der Grundlage der geschichtlichen Wahrheit Bestand haben kann. Wir grüßen in Dankbarkeit unser schönes Hessenland. Und wir grüßen in unverbrüchlicher Treue unser geliebtes Sudetenland."  Das  Totengedenken sprach SL-Kreisobmann Otto Riedel.

In ihrem Grußwort unterstrich Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, dass sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Not und Elend für die deutschen Heimatvertriebenen fortgesetzt hätten. Mit Blick auf ihr eigenes Schicksal sagte sie, die einheimische Bevölkerung sei überfordert gewesen. Die Integration nannte sie ein Wunder. Einheimische und Vertriebene hätten zueinander gefunden, was auch die zahlreichen Eheschließungen zwischen beiden  Bevölkerungsgruppen bewiesen. Steinbach warb erneut für ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. Die deutschen Heimatvertriebenen wollten sich mit ihrem Schicksal nicht „einkapseln", sondern auch die Vertreibungen anderer Völker darstellen.