Wunden durch die Vertreibung noch nicht vernarbt
Opfer hegen keine Rachegefühle
Quelle: Sudetendeutsche Zeitung vom 14.10.2005, Beitrag von Adolf Wolf
Der Hessische Rundfunk brachte im Dritten Fernsehprogramm in der Sendereihe "Zeitreise" einen sehr ausgewogenen Film über die Vertreibung der Sudetendeutschen und die Integration der Heimatvertriebenen in Hessen, Autor Harald Henn vermittelte ein objektives Bild von der Vertreibung und Integration. Die Zuschauer konnten mitfühlen, was Gewalt und Vertreibung bedeuten. Ebenfalls deutlich wurde, dass die Vertreibung tiefe Wunden in die Psyche der Opfer gerissen hat die bis heute nicht vernarbt sind.
Da ist der Unternehmer Gerold Fleißner aus Asch/Aš. Er gründete nach der in Engelsbach eine Weltfirma mit 700 Beschäftigten. Seine Devise lautet, vorwärts und nicht rückwärts zu blicken. Dass die Vertreibung an dem erfolgreichen Unternehmer aber nicht spurlos vorübergegangen ist, zeigte ein Besuch in seiner Heimatstadt Asch. Auf die frage, ob er erwogen habe, die frühere Maschinenfabrik der Familie Fleißner zurückzuverlangen antwortete er, die Vertreibung sei ein derart harter Schlag gewesen, „dass wir uns gesagt haben, wir wollen nicht zurück". Die Fleißnersche Fabrik hat ein Deutscher erworben. Der Vizebürgermeister von Asch hat damit keine Probleme. Ihm kommt es darauf an, dass Arbeitsplätze geschaffen wurden.
Die 83jährige Anni Bostelmann kehrte nach 60 Jahren an den Ort zurück, an dem im Juli 1945 Tschechen ein barbarisches Massaker an der deutschen Zivilbevölkerung verübten. Sie und ihre Tochter im Kinderwagen warf man von der Aussiger Brücke in die Elbe. Beide überlebten. Nun stehen beide auf dieser Brücke. Anni Bostelmann schildert in dem Film dieses grausame Erlebnis. Tschechen hätten sogar auf die im Wasser treibenden Menschen geschossen. Sie hegt jedoch keine Rachegefühle. Ihr kommt es darauf an, dass die Erinnerung wach gehalten und die Vertreibung und die damit einhergehenden Verbrechen als Unrecht anerkannt werden. Anni Bostelmann hat dieses furchtbare Erlebnis auf der Brücke von Aussig durch ihre .Arbeit im Bund der Vertriebenen und im der Sudetendeutschen Landsmannschaft kompensiert.
Dass die Vertreibung nicht spurlos an Kindern vorüberging, schildert die pensionierte Lehrerin Brigitte Ofner. Sie empfand, dass sie als Flüchtlingskind ausgegrenzt wurde, litt unter dem Spott der Einheimischen und fühlt sich noch heute um ihre Würde gebracht. Erst jetzt könne sie darüber sprechen. Ihre traumatischen Erlebnisse verarbeitet sie durch Malerei. In den Farben findet sie Trost. Die Familie Ofner ist ein weiteres Beispiel für den Aufbauwillen der Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter großen Entbehrungen baute der Vater ein Haus. Die Kinder konnten studieren.
Dem Hessischen Rundfunk ist zu danken dass ein solcher Film produziert werden konnte. Andere Sender sollten ihn ebenfalls ausstrahlen. Überdies eignet sich der Streifen für den Unterricht in den Schulen - auch als Wegweiser für junge Menschen, wie man aus einer schier ausweglosen Situation herauskommen kann.